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Thema: September 1991: Ein Greenhorn auf La Gomera

  1. #1
    Avatar von Wanderbär
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    September 1991: Ein Greenhorn auf La Gomera

    Einen Beitrag mit diesem Titel hatte ich vor etwa fünf Jahren in das eGomera-Forum eingestellt. Hier eine überarbeitete und etwas gekürzte Fassung:

    Bis 1991 beschränkten sich meine Wandererfahrungen auf deutsche Mittelgebirge und die Alpen. Aber seit ich in den 80er Jahren in der Reihe „Wunder der Erde“einen Fernsehfilm über La Palma gesehen hatte, interessierte ich mich für die Kanaren . Doch zunächst entschied ich mich nach dem Wälzen etlicher Reisekataloge für La Gomera. Als kompletter Neuling – schließlich war es meine erste Flugreise überhaupt – buchte ich eine Pauschalreise über zwei Wochen im Charco del Conde, davon eine Wanderwoche mit dem Unternehmen Timah. Zur Vorbereitung dienten mir das Gomera-Handbuch von Adam Reifenberger und der Goldstadt-Wanderführer von Rüdiger Steuer. Doch was mich konkret erwarten würde, konnte ich mir nicht vorstellen.

    Mitte September 1991 war es soweit. An einem späten Vormittag startete ich vom Flughafen München-Riem aus. Als Anfänger führte ich natürlich viel zu viel Gepäck (ca. 23 kg einschließlich Handgepäck) mit. Verglichen mit heute war der Service im Flugzeug geradezu üppig, das Menü ersetzte fast eine vollwertige Mahlzeit, an Getränken wurden auch Wein oder Bier ohne Aufpreis angeboten und kurz vor dem Landeanflug noch ein Gläschen Sekt gereicht.

    Nach der Landung auf Teneriffa-Süd bummelte ich einige Stunden durch Playa de las Americas, nachdem das Gepäck in einem Hotel deponiert worden war. Anders als im Ort war am Strand nicht mehr viel los, die Liegestühle waren schon eingesammelt. Gegen 19 Uhr ging es weiter zum Hafen von Los Cristianos und gegen 20 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang, legte die Fähre ab, um nach gut 1½ Stunden San Sebastián zu erreichen.
    Fred-Olsen-Fähre im Hafen von Los Cristianos

    Auf der etwa zweistündigen Busfahrt durch das dunkle Gomera war naturgemäß kaum etwas von der Insel zu sehen. Am Anfang verfolgte ich, wie die Lichter von San Sebastián immer kleiner wurden, dann wurden rechts und links im Scheinwerferlicht gespenstisch wirkende Bäume heftig vom Winde bewegt und schließlich tauchten in der Tiefe die Lichter von Valle Gran Rey auf, das gegen Mitternacht erreicht wurde.

    In der Rezeption des Charco del Conde erfuhr ich nichts über die Wanderwoche, die laut Programm schon am nächsten Morgen beginnen sollte. Für intensivere Nachfragen war ich zu müde. Daher zog ich mich sogleich in mein Studio zurück und schlief schnell ein. Irgendwann in der Nacht weckte mich ein lautes rhythmisches Rauschen; wie sich später herausstellte, hatte die Flut ihren Höhepunkt erreicht.

    Am nächsten Morgen wachte ich erst spät auf. Zum Wandern war ich noch nicht bereit, auch war die Wandergruppe schon längst unterwegs. Nach ersten Einkäufen in dem benachbarten, merkwürdigerweise spärlich beleuchteten Supermercado – an diesem Morgen war der Strom ausgefallen – frühstückte ich in aller Ruhe. Anschließend fand ich mich im Restaurant Charco del Conde zur Begrüßung durch die Reiseleitung ein. Über die Wanderwoche, die außer mir noch eine Anwesende gebucht hatte, wusste die Reiseleiterin nichts. So konnten wir nur darauf warten, dass sich jemand im Laufe des Tages bei uns melden würde.

    Nach einem ausgiebigen Erkundungsstreifzug zwischen Vueltas und der Playa del Inglés kehrte ich in einer Bar an der Strandpromenade von La Playa ein. Da es fast schon Siestazeit war, gab es keine große Auswahl. So bildete eine Tortilla Española, mit Mojo rojo bestrichen, meine erste kanarische Mahlzeit. Am späten Nachmittag erhielt ich endlich die Nachricht, dass die nächste Wanderung am nächsten Morgen um 9 Uhr vor dem Charco del Conde beginnen würde.

    Zur angegebenen Zeit wurde ich von der Gruppe begrüßt, außer mir waren es vier oder fünf Gäste, alle ebenfalls Gomera-Neulinge, und zwei (!) Tiroler Bergführer. Der ältere der beiden wies während der Woche seinen Nachfolger ein. Die am ersten Tag ausgefallene Wanderung konnte ohne Probleme zu Beginn der nächsten Woche nachgeholt werden.

    Diese erste Wanderung führte über La Calera und La Merica nach Arure, wo wir uns in der Bar Conchita zu einer ausgiebigen Mittagspause in geselliger Runde niederließen, bis uns ein Minibus abholte.
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    Valle Gran Rey vom La-Merica-Aufstieg

    Ein Vergleich mit diesem Foto von 2018 zeigt, was sich seit 1991 im Tal getan hat:
    DSC05202.jpg

    Nach Rückkehr in das Valle Gran Rey verabredeten wir uns zum Abendessen im Restaurant El Pescador in Vueltas, das eine Teilnehmerin am Abend zuvor entdeckt hatte. Die damalige Einrichtung erschien mir recht originell. Sieben verschieden große Tische waren benannt nach den sieben Kanarischen Inseln benannt, der größte für 8 – 10 Personen Teneriffa, der kleinste für 2 – 3 Personen El Hierro, ein kleiner Beistelltisch hieß La Graciosa. Das aktuelle Angebot konnten wir von einer Kreidetafel ablesen, so dass Speisekarten überflüssig waren. Etwas merkwürdig für ein Fischrestaurant empfand ich den Grillautomaten für Brathähnchen, aber für die einheimische Laufkundschaft war offensichtlich eine Attraktion. Als wir uns gerade gemütlich eingerichtet hatten, landete auf unserem Tisch ein großes unbekanntes Insekt und löste eine Diskussion aus: „Das sieht ja wie eine große Schabe aus!“ „Aber Schaben können doch nicht fliegen“ … Die Reaktion der Wirtin – eine junge Französin – dieses Flugobjekt war eindeutig; es war tatsächlich eine Cucaracha. Danach wurde es noch ein angenehmer Abend mit munteren Gesprächen, zumal auch die beiden Wanderführer zu uns stießen.

    Das weitere Programm umfasste folgende Touren, deren zeitliche Abfolge ich nicht mehr rekonstruieren kann:
    • Camino forestal de la Meseta – Vallehermoso mit Einkehr in einem Lokal an der Plaza.
    • Aus dem Valle Gran Rey über den Mastenaufstieg nach Las Hayas mit Einkehr in der Bar Montaña von Doña Efigenia.
    • Vom Roque Agando über La Laja nach San Sebastián, davon das letzte Straßenstück im Barranco de la Villa per Taxi.
    • Vom Alto de Contadero nach El Cedro. Rückfahrt nach Durchgang durch einen Wasserkanaltunnel.
    • Pavon – Fortaleza – Chipude – El Cercado – Valle Gran Rey.
    Dies war wohl die längste Wanderung. Einkehr in El Cercado - Bar Maria oder Bar Victoria. Abstieg in das Valle Gran Rey über La Matanza und Kirchenpfad.

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    Timah-Wandergruppe unterwegs

    Für mich als Anfänger fiel die Bilanz der geführten Wanderungen nur positiv aus. Das Klima in der Gruppe war sehr entspannt. Ein Highlight waren die Gespräche während der Pausen und beim gemeinsamen Abendessen, in denen wir voneinander und von den Wanderführern vieles erfuhren, nicht nur über das Wandern auf den Kanaren. Jedenfalls fühlte ich mich für weitere Reisen auf die Kanaren gerüstet. Später habe ich nur gelegentlich an geführten Touren teilgenommen, entweder weil das Wandergebiet mit Bus oder Mietwagen nur umständlich zu erreichen war oder an Wanderungen zu speziellen Themen, z.B. botanische Exkursionen.

    In der folgenden Woche war ich weniger unternehmungslustig als aus den Alpen gewohnt. Vielleicht wirkte sich das warme Klima aus.

    Auf eigene Faust unternahm ich eine einzige Wanderung. Ziel war das Plateau von Las Pilas mit dem Aussichtspunkt Tequerguenche mit imponierenden Tiefblicken in den Barranco de Argaga und das Valle Gran Rey, hin und zurück über den Kirchenpfad.
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    Blick vom Tequerguenche. Das Gelände zwischen Vueltas und den Anlage Charco del Conde und Laurisilva (damals noch Baustelle) besteht fast nur aus Bananenplantagen

    Beim Abstieg bekam ich spätestens ab der Ermita de los Reyes zu spüren, was es bedeutet, zu wenig Flüssigkeit mitzuführen. In den Alpen war ich mit einem oder eineinhalb Liter gut ausgekommen. Auf den Kanaren aber nahm ich später mindestens zwei Liter mit – getreu dem Motto „Lieber einen Liter zu viel als einen Fingerhut zu wenig“.

    Ein Tag ging für eine Rundfahrt mit Mietwagen über Vallehermoso, Hermigua, Pajarito (mit Garajonay-Aufstieg) und Laguna Grande drauf.

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    Auf dem Garajonay. Erst über zwanzig Jahre später erlebte ich erstmals den Garajonay bei freier Sicht

    Einen Tag später wurde mein in rudimentärem Spanisch vorgebrachter Versuch, im Club del Mar eine Bootsfahrt nach Los Organos zu buchen, mit schallendem Gelächter quittiert; mich hatte der spanisch klingende Name Capitano Claudio irregeführt. Bei Antritt der Fahrt am nächsten Morgen warnte der Schiffsführer vor starkem Seegang, vor allem im Norden, doch kein Passagier zog zurück. Ich ließ mich am Heck des Boots nieder, denn ein paar Tage vorher war ich vor den Salzwasserduschen im Bugbereich gewarnt worden.

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    Aufbruch nach Los Organos

    Entlang der Westseite der Insel ging es gegen Wind und Wellen nach Norden, und einige Passagiere sahen nicht mehr sehr gesund aus. Auch einige Delphine, die uns durch die Wellen entgegen kamen, konnten deren Stimmung nicht heben. Bei Los Organos gab es nur einen kurzen Stop zum Fotografieren, angesichts des starken Seegangs nicht ganz einfach. Die Rückfahrt verlief wesentlich entspannter, denn nun ging es nicht mehr gegen Wind und Wellen.

    Wenn ich an den übrigen Tagen nicht faulenzte oder durch das untere Tal bummelte, genoss ich Strand, Meer und Sonne, meistens bei La Puntilla.

    Schon an den Tagen vor dem Rückflug waren mir Ankündigungen aufgefallen, dass die Zufahrtsstraße in das Valle vormittags für mehrere Stunden wegen Straßenbauarbeiten gesperrt war. So holte erst am späten Vormittag, als die Zeit bis zur Fähre schon recht knapp erschien, ein Kleinbus die Gäste am Charco del Conde ab. Unsere Koffer mussten wir über die Rückbank in den Gepäckraum wuchten, denn der Fahrer schaffte es nicht, die Heckklappe zu öffnen – offenbar war es nicht sein Fahrzeug. Während der Fahrt wirkte er sehr hektisch und versuchte, mit jemandem Funkkontakt aufzunehmen. Merkwürdigerweise nahm er nicht die direktere Nationalparkroute, sondern bog in Arure auf das Sträßchen nach Las Hayas ab. Hinter dem Dorf hielt der Bus im Walde an – inzwischen weiß ich, dass es an der Haltestelle Cruce Las Hayas war – und übergab ihn einem dort wartenden Fahrer. Anders als sein sehr hektischer Vorgänger war dieser die Ruhe selber. Von nun an ging es zügig über die Nationalparkstraße weiter. Die Fähre wurde rechtzeitig, wenn auch etwas knapp erreicht. Die Überfahrt nach Los Christianos bei strahlendem Sonnenschein war ein Genuss. Sogar einige Wale ließen sich in der Ferne blicken.

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    Abschied von La Gomera

    In Los Christianos hatte ich keine Zeit, den Kulturschock zu „genießen“, denn unmittelbar nach Ankunft der Fähre startete der Transferbus zum Flughafen. Infolge Rückenwinds hatte das Flugzeug fast eine ganze Stunde weniger gebraucht, als im Flugplan vorgesehen, und sollte entsprechend früher wieder abfliegen. So verlief die übliche Prozedur am Flughafen – Einchecken, Sicherheitskontrolle, Einsteigen – in einem Tempo, wie ich es seitdem nie wieder erlebt habe. Aber bis München-Riem hatte uns der Flugplan wieder eingeholt. Während des Landeanflugs bewunderte ich die hell erleuchtete Oktoberfestwiesn. Kurz danach setzte der Flieger fast pünktlich sanft auf der Landebahn auf.

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  3. Nach oben   #2
    Avatar von Chupito
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    Danke für den tollen Bericht Wanderbär, hab ich ja jetzt erst gelesen...
    Wirklich lachen musste ich über die "junge Französin", die ja inzwischen wie wir alle an die 30 Jahre älter ist!

  4. Nach oben   #3

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    Ein sehr schöner Bericht, lieber Wanderbär!
    Wir haben La Gomera 8 Jahre später zum Ersten Mal besucht.

  5. Nach oben   #4

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    Schöön

    Zwei Monate vorher waren wir auch das erste Mal auf der Insel... Kann mich noch gut erinnern.. Als wäre es gestern gewesen. Die erste Übernachtung war bei der Concha in Calera. Die Unterkunft war ein ehemaliger Ziegenstall mit geteilter Türe. Die Ausstattung war ein Eisenbett und eine nackte Glühbirne. Ein Stock höher das Gemeinschaftklo, Dusche und Küche.... aber schööönn war es

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